© Thomas Matzat
Am Anfang waren wir uns nicht sicher, ob der Berliner Friedrichstadt-Palast eigentlich eine Rosine im unserem Sinne ist. Zu teuer für normale Berliner und Brandenburger, nur etwas für Touristen – so die gängigen Kommentare. Grund genug für uns, auf der Suche nach Rosinen, im wahrsten Sinne des Wortes hinter die Kulissen zu schauen.
Dazu muss man wissen, dass der Friedrichstadt-Palast erst seit 1984 im heutigen Gebäude residiert. Er war seinerzeit ein Vorzeige- und Prestige-Objekt der DDR, das damals wie heute bühnentechnisch auf absolutem Topniveau arbeitete und arbeitet. Es ist davon auszugehen, dass dies nicht zum sozialistischen Einheitspreis zu haben war. Letztlich kam aber nie ans Licht, wie viele Devisen der Bau des Prachtstücks wirklich verschlungen hat, erklärt Pressereferentin Ghazal Weber. Nötig war das neue Gebäude, weil der alte Friedrichstadt-Palast, schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Friedrichstraße, 1980 aus baulichen Sicherheitsgründen geschlossen werden musste, 1985 kam die Abrissbirne.
Eine wechselhafte Berliner Vorgeschichte
Angefangen hatte seine Geschichte 1867, als genau dort die erste Berliner Markthalle errichtet wurde, die aber wegen ökonomischem Misserfolg bereits nach sieben Monaten ihren Betrieb einstellte. 1873 wurde umgebaut und es entstand ein Zirkusbau für rund 5.000 Zuschauer. Wechselvolle Berliner Jahrzehnte folgten, bei den Nazis wurde daraus das „Theater des Volkes", 1947 feierte man hier die Gründung der FDJ (Freie Deutsche Jugend), bevor man die Stätte 1949 enteignete und erstmals Friedrichstadt-Palast nannte.
Die größten Bretter der Welt
1989, nur fünf Jahre nach Eröffnung des neuen Friedrichstadt-Palastes, fiel die Mauer. Was blieb, war die exzellente Bühnentechnik, die bis heute in vielen Bereichen unverändert im Einsatz ist. Ergänzt natürlich um High-Tech-Komponenten wie LED-Wände oder die neue Sound-Anlage. Noch immer spektakulär ist das ausfahrbare Wasserbecken mit einem Fassungsvermögen von 140.000 Litern. Insgesamt hat die Bühne eine Größe von fast 2.900 Quadratmetern, die von 1.895 Gästen bestaunt werden kann. Damit sind diese Bretter, die die Welt bedeuten, die größten ihrer Art - weltweit.
© Ralph Larmann
Die Wiederauferstehung begann 2008 mit "Qi"
Nach der Wiedervereinigung versuchte man sich vorwiegend mit Musicals, was aber nicht zünden wollte und den Palast in wirtschaftliche Kalamitäten brachte. Erst 2007, mit dem neuen Intendanten Dr. Berndt Schmidt, wendete sich das Blatt. Dank der Show „Qi" gelang bereits 2008 der Durchbruch beim breiten Publikum. Im September 2010 startete die Erfolgsgeschichte „Yma", die bis Ende September 2011 bereits 500.000 Besucher gesehen hatten und die noch bis Juli 2012 zu bestaunen sein wird. Die wirtschaftlichen Kennziffern bestätigen das Konzept: Im Geschäftsjahr 2010 konnte der Umsatz um 1,6 Mio. Euro auf 21,2 Mio. gesteigert werden wozu fast 450.000 zahlende Gäste beitrugen. Rund 250.000 davon waren Touristen. Die Entwicklung wird auch das Land Berlin freuen, das seit 1995 über die landeseigene GmbH zu 100 Prozent Eigentümer des Hauses ist.
Hinter den Kulissen eine eigene Welt
Rund 240 Mitarbeiter sind für den reibungslosen Ablauf im Einsatz. Viele davon bekommt der Zuschauer nie zu sehen: Hinter den Kulissen gibt es eigene Schneidereien für Damen- und Herrenkostüme sowie Kopfputze, Werkstätten, Techniker. MEIN ROSINENBOMBER wurde Backstage durch endlose Gänge mit unzähligen Türen geführt, hinter denen auch schon emsig an der Weihnachtsshow „Berlin Erleuchtet" gearbeitet wurde und wird, die vom 18. November bis 26. Dezember aufgeführt wird. Diese soll, so die Eigenwerbung, „einfach bezaubernd“ sein. Ein Zwischenstopp beim Training des legendären Friedrichstadt-Palast-Balletts mit 60 Tänzerinnen und Tänzern, übertrifft das, was alle denken, wenn sie die Werbeposter, -Flyer, -Banner und Fotos sehen: Die Damen sehen nämlich in legerer Trainingskleidung noch besser aus. Dieses Ballet ist übrigens immer fester Bestandteil jeder Show, ohne das Ballett kann man sich den Friedrichstadt-Palast auch kaum vorstellen.
Die Ticketpreise beginnen bei 16,90 €
Am Ende bleibt natürlich die Frage, ob der Friedrichstadt-Palast eine Rosine in unserem Sinne ist. Also: Können die Berliner und Brandenburger, die ja die niedrigste Kaufkraft aller deutschen Metropolenbewohner haben, an diesem kulturellen Angebot teilhaben? Das Ticket für „Yma" in der günstigsten Preiskategorie 5 kostet 16,90 €. Diese Plätze befinden sich, daher der günstige Preis, ganz vorne ganz links bzw. ganz rechts außen am äußersten Bühnenrand. Wer besser sehen will, ist mit bis zu 104,90 € dabei. Die Werbung, die gerade großflächig an den zentralen Berliner Bahnhöfen für „Yma" trommelt, bringt es auf den Punkt: „Suitable for tourists."
Öffnungszeiten der Theaterkasse:
Montag 10 bis 18 Uhr
Dienstag bis Samstag: 10 bis 18.30 Uhr
Sonntag: 10 – 18 Uhr
Hotline: 030 2326 2326
Rosinen:
Der Friedrichstadt-Palast ist ein Stück Berliner Geschichte und damit für uns eine Kultur-Rosine.
Eine Preisrosine gibt es für Bedürftige mit Berlin-Pass. Auf Nachfrage, wie man denn an ein solches Ticket kommt, das für 3 € zu haben ist, erklärte die Pressstelle: „2-3 Tage vor einer Vorstellung wird eine Show gegebenenfalls für dieses Angebot freigegeben. Inhaber des Berlin-Passes können jederzeit im Call-Center nachfragen, ob eine bestimmte Vorstellung für das Angebot freigegeben ist, die Karten können dann allerdings nur an der Theaterkasse unter Vorlage des Berlin-Passes erworben werden."
Friedrichstadt-Palast
Friedrichstaße 107
10117 Berlin-Mitte
www.show-palace.eu
Bezirk Mitte
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© Thomas Matzat
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